
Anfang der 80er Jahren entwickelten wir zunächst an der Eduard-Mörike-Schule in Kirchheim/Teck-Ötlingen auf Klassenebene ein Konzept, das inzwischen an der Grund- und Hauptschule Ammerbuch-Altingen auf Schulebene umgesetzt und zum "Altinger Konzept" weiterentwickelt wurde.
Unsere Arbeit am Altinger Konzept hat die gerechte Gemeinschaft zum Ziel. Wir wollen die Schule demokratisieren, sie menschlicher und kindgerechter gestalten, das bedeutet, sie strukturell zu verändern.
Alles was wir tun, dient in erster Linie der Entwicklung der Persönlichkeit und damit der Stärkung des Selbstwertgefühls unserer Schülerinnen und Schüler. Ein gesundes Selbstwertgefühl ist für uns die Grundlage und die Voraussetzung dafür, dass wir uns gemeinsam auf von allen akzeptierten Werte und Normen verständigen können.
Wir verstehen Schule als Polis im Kleinen, in der nicht Angst und Langeweile die vorherrschenden Gefühle sind, sondern in der Haltungen und Wertvorstellungen wie Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit, Fürsorglichkeit und Toleranz im Alltag unmittelbar erfahren, gelernt und gelebt werden können. Selbstachtung und Wertschätzung der eigenen Person und anderer Personen gegenüber sollen sich organisch entwickeln können. Demokratische Veränderungen sind für uns deshalb vor allem auch veränderte Umgangsstile.
Wir meinen einen Alltag, in dem durch Verantwortungsübernahme und Entscheidungsfähigkeit aller ein moralisches Klima entstehen kann, in dem -langfristig gesehen- die moralischen Tiefenstrukturen veränderbar werden.
Wir meinen eine Praxis, in der nicht wir Erwachsenen aufgrund unserer Autorität und größeren Lebenserfahrung Werte und Normen setzen, sondern die besseren Argumente und die gemeinsame Erfahrung zu Regeln und zu einer den Einzelnen verpflichtenden Ordnung führen. Eine Praxis, die den Kindern jedoch auch vermittelt, dass es unumstößliche und unveräußerliche universelle Werte gibt, ohne die ein gemeinschaftliches Zusammenleben nicht möglich ist.
Auf Grundwerte kann man sich glaubhaft aber nur dann berufen, wenn sie im alltäglichen Umgang vorkommen. Demokratische Gemeinschaften brauchen deshalb eine Wirklichkeit, in der gehandelt werden muss.
Gemeint ist damit die aktive Mitgestaltung der Schülerinnen und Schüler an möglichst vielen Prozessen innerhalb der Gemeinschaft Schule. Kinder und Jugendliche sollen begreifen, dass bestehende Strukturen veränderbar sind, dass Traditionelles an der Realität überprüft, verändert und in veränderter oder auch gleicher Form übernommen werden kann. Je mehr sie am Gestaltungsprozess teilhaben dürfen, um so mehr identifizieren sie sich mit dem Ort Schule, können sie die Sicht für das Ganze entwickeln und die Verantwortung dafür mittragen.
Schule muss ernst werden. So können sich die Schülerinnen und Schüler an der Altinger Schule in der Schülerversammlung zu moralischen Problemlösungsprozessen auf Klassenebene zusammensetzen und gemeinsam Konflikte klären, Projekte und Unterricht planen und reflektieren. Sie fassen Beschlüsse, die zum Handeln führen. Sie können in der Schulversammlung zu Verletzungen, Gegensätzen und Widersprüchen, die die ganze Schule betreffen, Stellung beziehen, um möglichst optimale Lösungen für alle zu finden.
Schule muss Ernstsituationen - wie in den Projekten - schaffen, in denen soziale, ökonomische und politische Sachzusammenhänge erschlossen werden können. Projekte sind so ein Ort, an dem es tatsächlich etwas zu verantworten gibt, Konflikte gelöst werden müssen, damit das gemeinsame Vorhaben nicht scheitert.
All dies sollte jedoch auf dem Hintergrund eines Entwurfes einer gemeinsamen Vorstellung von "Welt", auf dem Hintergrund einer "konkreten Utopie" geschehen. Ohne eine Vorstellung, ohne die Entwicklung eines Grundkonsenses innerhalb des Kollegiums und der Schüler- und Elternschaft, wie Leben und Zusammenleben, wie Gemeinschaft und Gesellschaft, ohne ein inneres Bild davon, wie eine "bessere Welt" aussehen könnte, sind keine wirklichen Veränderungen möglich.